SIND

Beinahe zufällig wurde die Berliner Gruppe SIND zur interessantesten neuen deutschen Rockband. Das in diesem April erscheinende Debütalbum „Irgendwas mit Liebe“ erzählt von gewaltigem Lebenshunger, der Suche nach Liebe und einer großen Freundschaft. Es ist Musik, die nicht nach links oder rechts guckt – und vielleicht gerade deshalb alles über das Hier und Jetzt sagt. Am Anfang war die Freundschaft. Keine Planung, kein Konzept, kein „Projekt“, sondern: Freundschaft. Der ganze Rest, also die frühen Konzerte, die ersten Achtungserfolge mit dem Song „Deine Magie“ und diesem auf simple Weise großartigen „Alpina Weiss“-iPhone-Video, die EP, und dann die Produktion des SIND-Debütalbums mit dem Bilderbuch-Produzenten Zebo Adam: das alles kam erst viel später. Die Einhaltung der korrekten Reihenfolge ist hier unbedingt wichtig, weil das eine ohne das andere gar nicht möglich gewesen wäre. Und ja, das klingt ein bisschen altmodisch, aber auch ziemlich schön. Wir erklären das jetzt mal: Hannes, Arne und Max – Nachnamen tun hier nichts zur Sache – waren zusammen auf einer Schule. Die Gitarristen Hannes und Max machen schon damals zusammen Musik, irgendwann kommt Sänger Arne dazu. Im sogenannten Berliner Kreativdorf Holzmarkt und dort im damaligen Club Kater Blau verbringen sie ihre Zeit, dort arbeiten, feiern und proben sie – und lernen den Schlagzeuger Ludwig kennen. Der wiederum Mathias mitbringt. Mathias ist eigentlich Gitarrist, aber Gitarristen gibt es bei SIND ja schon, also spielt er Bass. Geprobt wird damals in der Clubtoilette des Kater Blau. Wer da zufällig mal sein sollte: Der Name SIND ist bis heute in den Boden geritzt. „Für uns war das wie so eine Art Jugendclub“, erinnert sich Arne an die frühen Tage. „Wir haben da Badminton gespielt, Partys gefeiert, alles auseinandergenommen – und es irgendwie geschafft, bis zum nächsten Morgen wieder top aufzuräumen.“ Tagsüber wurden die Räume von einer Internetagentur genutzt. Der Proberaum war für SIND ein zu Hause, ein Lebensraum. Und das hört man der Musik irrerweise noch heute an. Insofern muss man diesen Hintergrund kennen, weil er die Basis dieser Band besser erklärt als alles andere – und somit auch ihren Sound. Man könnte sich sonst wundern, wie diese fünf Typen überhaupt in einer Band landen konnten. Whitest Boy Alive, Phoenix, Techno, Zwölftonmusik, Foo Fighters, Die Toten Hosen, Blues, Klassik, Jazz, Hamburger Schule, Pink Floyd, Udo Lindenberg, Beatles, amerikanischer und Deutsch-Rap, R&B: All diese Bands und Stile spielten für die SIND-Musiker zu irgendeinem Zeitpunkt ihres Lebens eine wichtige Rolle. Mathias studierte Germanistik und Musikwissenschaft, Ludwig Kulturwissenschaften, Arne spielte Basketball und so weiter: es ist ein ziemliches Kuddelmuddel. Was aber kommt nun heraus, wenn all diese unterschiedlichen Einflüsse und Lebensentwürfe zusammengeführt werden? Machen wir uns nichts vor: Eigentlich hätte das hier ein ziemliches Chaos werden müssen. Durch ihre große Freundschaft und die Tatsache, dass sie bis heute jede freie Minute miteinander verbringen, gelingt SIND nun allerdings jeden Tag aufs Neue die Quadratur des Kreises. Formell sind sie eine Rockband, aber aus dieser klassischsten aller Perspektiven gelingt SIND ein absolut frisch und aufregend klingendes Narrativ für das Hier und Jetzt. Es geht um die Liebe, das Leben in der Stadt, die täglichen Verwerfungen, die kleinen und die großen Kämpfe – und um die Frage, wie man das alles überhaupt aushalten soll. Klingt verwirrend? Ist es nicht, wenn man weiß, wie sie ihren Sound entwickelt und dann immer weiter ausformuliert haben. „Am Anfang haben wir einfach drauflos gespielt“, sagt Hannes. „Das war zunächst nicht als Band konzipiert, sondern wir waren Freunde, die eben zufällig auch Musik miteinander gemacht haben.“ Es sei jedenfalls anders gelaufen, als das heute „normal ist“, sagt Arne. „In den meisten Fällen läuft das inzwischen ja so: Einer sitzt im stillen Kämmerlein, denkt sich irgendwas aus und ballert das gleich ins Internet.“ SIND hingegen schreiben, entscheiden und spielen alles gemeinsam. „Alle müssen einverstanden sein, das macht die Sachen am Ende gut, auch wenn es manchmal anstrengend ist“, sagt Mathias. „Wir wussten immer ganz gut, was wir nicht wollen“, sagt Ludwig. So haben SIND über anderthalb Jahre ihren Sound entwickelt und verfeinert, ehe sie dann am 16. Januar 2014 eher aus Versehen ihr erstes Konzert spielten. Das Datum können immer noch alle auswendig aufsagen. „Wir haben gedacht, wenn wir schon die ganze Zeit proben, können wir ja auch mal auftreten“, sagt Hannes. Nach diesem ersten SIND-Konzert kamen Anfragen für zwei Festivals und für eine Aufnahme von Radio Fritz – und damit war die Sache dann irgendwie klar. Der Song „Wir kommen irgendwann an“ erzählt nun von dieser Phase der Selbstfindung, mit all den Unsicherheiten und den Zweifeln des Umfelds, die es dann natürlich auch gibt. Der Text – im Grunde ein Brief an Arnes Mutter – ist quasi die SIND-Version von „It’s A Long Way To The Top (If You Wanna Rock’n’Roll)“: Weiß nicht wie, auch nicht wo oder wann/Doch glaub mir, wir komm’ irgendwann an/Wir komm’ irgendwann an.“ Der Song ist der Opener von „Irgendwas mit Liebe“, dem ersten SIND-Album, welches die Suche und den Spaß und die Erfahrungen der ersten vier SIND-Jahre auf den Punkt bringt. Finanziert haben SIND ihr erstes Album selbst, mit ganz viel Unterstützung ihres gewaltigen Freundes- und Unterstützerkreises. Produziert haben sie es in Wien und Berlin gemeinsam mit Zebo Adam, der sonst unter anderem mit den Österreichern von Bilderbuch arbeitet. „Wir hätten eigentlich erwartet, dass er viel mehr mit dem Kram rumwerkelt, mehr Sound reinbringt“, sagt Hannes. „Aber er hat uns ermutigt, die Sachen mehr oder weniger so zu belassen, wie wir sie geschrieben haben.“ Eine sehr gute Entscheidung: „Irgendwas mit Liebe“ schleicht sich unauffällig an und erobert einen ganz langsam, bis man diese Songs nicht mehr aus dem Kopf bekommt. Nichts an dieser Musik ist aufdringlich, aber mit diesen Smiths-artigen, flirrenden Wehmutsgitarren, dem melodisch verspielten Bass, den stoischen Drums und Arnes heiserem, zwischen waidwunder Lebenserschöpfung, Aufbegehren und Euphorie changierendem Sprechgesang ziehen SIND einen in einen Sog, dem man so schnell nicht mehr entkommen will.  Es geht um unvollendete Liebe, das eigene Leben und das der anderen, die ständige Suche nach dem einen Menschen, der das alles versteht – die Sehnsucht nach ein bisschen Ruhe. Ein dauerpulsierender Irrsinn, den Arne etwa im Titelsong – gleichzeitig die nächste Single – mit folgenden Worten auf den Punkt bringt: „Hallo der Herr Narzisst/Wieso denn heut so angepisst/Das kommt davon, wenn man vergisst/Wer ein’ noch liebte und wer nicht“. Immer wieder wird das digitale Leben bei SIND zu einer Metapher auf das Analoge, nicht nur in diesem iPhone-Video zu „Alpina Weiss“, das einen ganz irre macht, weil man ständig über den Screen wischen will. Ladestände und Mobilfunkstandards werden zu Symbolen einer kriselnden Liebe, im wehmütigen „Deine Ruinen“, einem der besten Songs auf diesem Album, singt Arne: „Ziehe gerne durch die Nacht mit dir/Auf kaputten Displays bis nachmittags halb vier.“ Dazu passt das Cover von „Irgendwas mit Liebe“ natürlich perfekt: eine rosafarbene Geschenkbox, in der dann aber kein Ring und keine Kette sind, sondern ein Laptop. Es ist ein popkulturell bewandertes Spiel mit Zitaten und Verweisen, das immer wieder in der bitteren Erkenntnis mündet, dass Smartphones, Social Media und Tinder im Grunde alles noch verwirrender gemacht haben. Und wenn man dann ein bisschen zu down ist von diesem ganzen Lebenshunger, geht’s halt in die Betty-Ford-Klinik, die im gleichnamigen Song natürlich auch wieder Metapher für eine Frau ist. Ein Rettungsanker für den erschöpften Helden, der danach wieder raus muss und an die Chicago Bar: ein Udo-Lindenberg-Bild, das Arne für seinen Vater eingebaut hat, der früher im Auto wieder und wieder dasselbe Udo-Tape gespielt hatte. Im Spätwinter 2018 sind SIND – die Wortspiele mit dem Namen lassen sich kaum vermeiden – irgendwie eine richtige Band geworden. Das Album ist fertig, es kommen: Release-Konzerte in Hamburg und Berlin, Sommerfestivals, eine Tour im Herbst. Sie haben jetzt ein Management und eine Booking-Agentur und proben nach einigen Zwischenstationen wieder im Holzmarkt. Allerdings nicht mehr auf der Toilette: „Wir bauen mit dem Holzmarkt ein Tonstudio und es wird sogar eine Terrasse geben“, sagt Ludwig. Nicht schlecht für eine Band, die doch eigentlich nur eins wollte: „Ich hatte immer diese Vision im Kopf, mit all unseren Freunden zu einem Festival zu fahren, wo alle umsonst trinken können, weil wir auf der Bühne stehen“, sagt Arne. Manchmal sind es die vermeintlich kleinen Ziele, die im Leben wirklich zählen.

 

 

 

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