Provinz

Um es gleich vorwegzusagen: Wir haben es hier mit einigen der besten Songs zu tun, die in den letzten Jahren in Deutschland veröffentlicht wurden.  Dabei weiß man zunächst gar nicht, worauf man sich hier gerade eingelassen hat. „Neonlicht“, der erste Song und zugleich die erste Single der Debüt-EP „Reicht dir das“ von Provinz, beginnt geradezu meditativ, mit einer mehrstimmig gesummten Melodie, zu der sanft eine Gitarre gezupft wird. Gut und gern 30 Sekunden geht das so, dann erst nimmt die Angelegenheit Fahrt auf: die Gitarren ziehen an, ein Bass brummt, Drums kicken rein und Sänger Vincent fragt mit einer Stimme, die so fiebrig, heiser und unverbogen ist, dass man sie garantiert nicht mehr vergisst: „Sag, was soll der ganze Lärm? / Hype um nichts
/ Alle kommen sie her / doch versprechen könnt ihr nichts!“. Provinz kommen genau daher: aus der Provinz, zehn Kilometer außerhalb von Ravensburg. „Man wächst sehr behütet auf und hat viele Freiheiten“, weiß Robin (Keyboard & Gesang) zu berichten. „Sobald man pubertiert, wird es jedoch schnell langweilig und man kommt auf blöde Gedanken. Und denkt oft ein bisschen neidisch über die große Stadt.“ Zum Glück, denn aus jugendlicher Ablehnung sind bekanntlich schon ganze Kulturen entstanden. So plastisch und drastisch wie in „Neonlicht“ hat jedenfalls seit „Schwarz zu Blau“ von Peter Fox niemand das Großstadtleben auf den Punkt gebracht: „Fangen an, die dreckige Stadt zu fressen / Bis wir fast daran ersticken / Inmitten von Neonlicht gedrehten Kippen / Survival of the fittest“, singt Vincent, blickt umzingelt von Lärm und Lichtern nach oben und stellt mit vor Wut heiserer Stimme fest: „Ja dann seh ich die Sterne nicht mehr!“ Wie er es schafft, bei dieser doch eher profanen Feststellung vollkommen überzeugend außer sich zu sein, sich komplett im Moment zu verlieren und von der Crescendo-artigen Dramatik der Musik forttragen zu lassen, ist einfach nur wahnsinnig gut und beweist: es ist eigentlich ganz egal, worüber man singt, man muss es nur wirklich so meinen. Und daran besteht bei Provinz kein Zweifel, zu keiner Sekunde. Auch und besonders nicht dann, wenn es um die Liebe geht, die sich – wir erinnern uns – mit Anfang 20 besonders intensiv, absolut und alternativlos anfühlt. „Und wenn dir sage, wie sehr ich dich liebe / Dann wär’ das ‘ne Lüge / Aber reicht dir das
 / Reicht dir das?“, behandelt „Reicht dir das“ den quälenden inneren Konflikt einer Liebe, die eigentlich keine mehr ist. „Was uns high macht“ ist einer leidenschaftlichen, hedonistischen und leicht selbstzerstörerischen Partnerin gewidmet, der man einen Kick der anderen Art verspricht, um sie vor sich selbst zu retten: „Ich liebe es, wie du dich vergisst / Bitte komm doch mit / Ich geb dir das, was uns high macht / Geb dir das, was uns fliegen lässt / All die Ängste so weit weg, weit weg für dich“. „Zu Jung“ ist derweil ein Song über die Erkenntnis, dass die erste große Liebe am Ende vor allem eines ist – eine Lektion für all die Lieben danach: „Bin wahrscheinlich noch zu jung, einfach noch zu dumm / Um das zu verstehen / Bin wahrscheinlich noch zu jung, einfach noch zu dumm / Um dich zu verstehen.“  „Ich glaube schon, dass es mit Anfang 20 eine krasse Intensität hat“, sagt Vincent dazu. „Weil man ein bisschen naiv über die ganze Thematik nachdenkt, womöglich noch nicht so abgebrüht wie in älterem Zustand“ – ein Satz, den man auch für seinen Songwriting-Ansatz stehen lassen kann. „Die Texte entstehen aus einer Art Freestyle heraus. Ich konzipiere nicht groß, welches Wort zu welchem passt, damit es sich schön anhört. Sondern es hat etwas sehr Situatives und ist immer ziemlich intensiv. Das erklärt vielleicht, wieso sich die Songs textlich immer ein bisschen dramatisch anhören“, so der Frontmann. Es ist genau diese unpolierte Direktheit, die seinen Gesang so ungeheuer faszinierend macht – ein Stream of Consciousness, der eben noch ruhig und kontemplativ sein kann und im nächsten Moment in fieberhaft dahingeschnodderte Rufe ausbricht. Das Ergebnis sind Songs, bei denen man als Hörer unglaublich nah dran ist, was neben dem Gesang auch der Produktion zu verdanken ist. Die Stücke dürfen atmen, sich entwickeln, links und rechts abbiegen und auch mal über Umwege zum Ziel kommen. Und nach der letzten Note soll man ruhig hören, wie das Klavierpedal sich hebt. Die Tracks wurden mit Produzent Tim Tautorat (u.a. AnnenMayKantereit, Faber, KLAN) im Studio live eingespielt, „das war uns unheimlich wichtig, damit wir die die Kanten nicht durch unnötige Produktion glattbügeln“, wie Moritz (Bass & Backing Vocals) betont. „Wir hatten genau damit jahrelang Probleme, sind immer wieder in ein kleines Studio gerannt mit irgend so ‘nem lokalen Produzenten und haben es nie hinbekommen, diese Emotionalität und das Roughe zu bewahren. Dieses Echte. Mit dieser EP ist es endlich geglückt.“ Die Sache mit „jahrelang“ ist übrigens nicht übertrieben, denn auch wenn die Mitglieder von Provinz jung sind: sie machen bereits ihr halbes Leben zusammen Musik. Drei der vier Mitglieder – Vincent, Robin und Moritz – sind Cousins, „wir kommen aus einer sehr musikalischen Familie und es war in unserem Verwandtschaftskreis schon immer üblich, dass man zusammen Musik macht“, berichtet Vincent. Im Alter von 12 Jahren gründete er seine erste Band mit Robin, wenig später stieß Moritz hinzu und vor zwei Jahren dann Leon, der in Vincents Klasse ging, bis die beiden vergangenes Jahr ihr Abitur machten. Seit Leon dabei ist, haben Provinz erstmals einen Schlagzeuger. Dass sie all die Jahre zuvor keinen hatten, wirkt sich bis heute auf ihren Sound aus. Robin erklärt: „Wir haben sehr lange nur mit Gitarre gespielt und früher viel Straßenmusik gemacht. Deswegen haben wir häufig über Chöre gearbeitet, über Zwei- und Dreistimmigkeit. Das war ein sehr wichtiges Thema und diesen Einfluss wollten wir auf der EP draufhaben.“ Neben dem ebenfalls prominent eingesetzten Klavier sorgt der Chorgesang für das folkige Element im Sound von Provinz, die auf ihrer Debüt-EP ein beeindruckendes Spektrum an Einflüssen in sich vereinen: Das Ungeschliffene, Jugendlich-Unbedarfte von AnnenMayKantereit, das mitreißend Folkige von Mumford & Sons, das Schnoddrige von Herbert Grönemeyer, die melodische Schönheit von Simon & Garfunkel, das emotional Entwaffnende von Element of Crime, das Fieberhafte von Tallest Man On Earth und die urbane Beobachtungsgabe von Peter Fox.  Was das in der Summe macht? Richtig: einige der besten Songs, die in den letzten Jahren in Deutschland veröffentlicht wurden.

 

 

 

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