Phil Siemers

Es gibt einen Song auf „Wer wenn nicht jetzt“, der nicht nur eindrucksvoll zeigt, wo Phil Siemers hinwill, sondern auch, wo er herkommt. Der beweist, dass er den Soul nicht lernen muss, sondern dass er ihn in seinem Herzen trägt wie nur ganz wenige Musiker in Deutsch-land. Er heißt „Ich geb dich nicht auf“ und baut in etwas mehr als vier Minuten eine eigene Welt auf, die an alles erinnert, nur nicht an die Waterkant. Wir hören Hummings, die viel vom Gospel haben – eine Hommage an Bill Withers’ „I Can’t Write Left-Handed“ –, zahlrei-che Tasteninstrumente, dazu ein paar irre effektiv gesetzte Gitarrenlicks und einen reduzierten Groove. Vor allem aber hören wir diese Stimme. Sie zärtelt, denkt nach, hält sich zunächst zurück, um sich im Refrain schließlich in den Himmel zu erheben: Wenn Phil Siemers erzählt, dass er Donny Hathaway verehrt, Marvin Gaye und Al Green, dann glaubt man das gerne. Mehr noch: Man erkennt, dass er das Selbstverständnis dieser Soul-Größen in seiner eigenen Kunst verinnerlicht hat. Phil Siemers gehört zur Stammbesetzung der Hamburger „Soulounge“, die schon mit Künstlern wie Roger Cicero, Roachford oder Motown-Legende Lamont Dozier zusammenarbeitete. Er stand auf der Bühne von Hamburger Jazz-Clubs wie dem Birdland und dem Mojo Club, spielte beim Elbjazz-Festival und und durfte bereits als Support für Größen wie Zaz oder Keb Mo auftreten. Im vergangenen Jahr veröffentlichte er einige Songs, deren Spektrum von der abgedimmten Ballade („Verkehrt“) bis zum intim groovenden Jazz-Shuffle („Schöne neue Welt“) reichte. Kurzum: Phil Siemers hat in den letzten Monaten einige Ausrufezeichen gesetzt, die sehr neugierig auf sein erstes Album machten.  Sein Debütalbum „Wer wenn nicht jetzt“ enttäuscht keine Sekunde lang. Die 14 gemeinsam mit Sven Bünger (u.a. Johannes Oerding, Madsen, Cultured Pearls) aufgenommenen Songs stecken einen Kosmos ab, der etwas besitzt, was in der deutschen Popmusik ziem-lich selten ist: Selbstverständlichkeit. Nichts wirkt aufgesetzt. Alles, was auf diesem Album passiert, passt zusammen, von erwähnten Gospel-Querverweisen über die Gitarren-Pickings bei „Lieblingsplatte“ bis zu „Wie es war“, der wirklich überlebensgroßen Ballade, die das Album beendet. „Es ist Pop, der Soul und Jazz atmet“, sagt Phil Siemers selbst. Man könnte da noch ein bisschen was anfügen: Wir finden natürlich auch Blues auf dieser Platte, dazu kommt Folk in dem Sinne, in dem Künstler wie Terry Callier in den 60er-Jahren oder Amos Lee in den Frühnullern Folk begriffen. Zusammengehalten wird das nicht nur von der Ausnahmestimme des Hamburgers, son-dern auch von einem Melodiegefühl, das seinen Höhepunkt in der neuen Single findet: „So gut“ bleibt mit seinem markanten Groove, mit seiner Hammond-Orgel und dem Klavier, vor allem aber mit einem irre einprägsamen Refrain im Ohr. Kurzum: Für einen Debütanten tanzt Phil Siemers auf vielen Hochzeiten, aber das Schöne ist: Das tut er mit dem nötigen Selbstver-trauen. Jeder Ton sitzt an der richtigen Stelle, jedes Wort hat seine Berechtigung. Nachzuhören ist das im Titeltrack: „Wer wenn nicht jetzt“ ist ein flammendes Plädoyer dafür, Stellung zu beziehen und sich gemeinsam für eine lebenswerte Welt stark zu machen – ein Song, der hervorragend in eine Zeit passt, in der hunderttausende junger Menschen für eine bessere Zukunft demonstrieren, dabei aber ohne erhobenen Zeigefinger daherkommt. Auch abseits des Studios ruhte sich Phil Siemers nicht aus. Wer in den letzten Monaten seinen Youtube-Account verfolgte, sah, wieviel neben den Aufnahmen zum Album noch passierte. Da ist etwa das Format „Auf einen Song“, für das er zusammen mit Freunden und Kollegen wie Lina Maly und Pohlmann Lieblingssongs interpretiert. Und: Der 27-Jährige reiste im Mai vergangenen Jahres durch den Süden der USA. Nicht, um Urlaub zu machen, sondern um die Wurzeln seines Sounds zu finden. „Es war immer ein Traum von mir, all diese Orte zu besuchen“, sagt er. So packte er seinen Kumpel Max ein, von Beruf Kameramann, und pilgerte in Memphis in die Royal Studios, wo die Künstler des legendären Labels Hi Records aufnahmen. Er besuchte eine Gospel-Probe in der Kirche, in der Al Green predigt und spielte auf der Beale Street Mark Cohns „Walking In Memphis“ auf der Gitarre eines Straßenmusikers. „Ich mach’ intuitiv Musik. Ich habe selten den Kopf an.“, sagt Phil Siemers. Genau das ist vielleicht das Geheimnis dieser Platte. Alles, was er macht, alles, was er erlebt, sei es auf solchen Reisen, sei es im Alltag, sei es im Studio, findet einen Weg in seine Musik. Und doch ist die mehr als die Summe der einzelnen Teile. „Komm wir stoppen Raum und Zeit. Einen Moment lang Ewigkeit“, singt er einmal. Der Moment, der so schön ist, dass er zur Ewigkeit wird: Ganz genau das spürt man, wenn man „Wer wenn nicht jetzt“ anhört – was für ein Glücksfall diese Platte ist!

 

 

 

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