Niels Frevert

Red‘ nicht von Liebe, von Wahnsinn oder Schmerz. Lebe und fühle, aber plapper nicht darüber. So könnte die Prämisse lauten für das Schaffen von Niels Frevert, dessen Lieder eigentlich von allem handeln, was das Leben großartig und grausam macht, ohne dafür Pop-Superlativ-Phrasen abzuspulen. Große Momente brauchen keine großen Gesten, sie füllen auch so den Raum. Wenn sie denn wahr sind. Das neue Album „Paradies der gefälschten Dinge” ist voll von diesen wahren Momenten, die den Hörer überraschen und überwältigen – eben weil sie sich nicht mit der üblichen Emotionalisierungsrhetorik ankündigen. Weil die Songs oft über den Umweg der Lüge und des Selbstbetrugs ins Innerste der Wahrheit vorstoßen. Und weil sie aus dem Alltag und seiner Sprache direkt in den Abgrund und seinem Schrecken führen. „Paradies der gefälschten Dinge”, Frevert-Album Nummer fünf, markiert nun eine gewaltige Veränderung. Der Künstler wechselte Plattenfirma und Konzertagentur. Gemixt wurden die Aufnahmen diesmal von Olsen Involtini (Seeed, Peter Fox), der mehr Opulenz, aber auch gewagtere Dynamik in den Sound bringt. Großes Kino, das an Meilensteile des orchestralen Pop erinnert und Freverts Erkundungen falscher und echter Paradiese weite, lichte Klangräume öffnet. So können die Lieder musikalisch und lyrisch noch weitere Bögen schlagen, locken den Hörer noch tiefer in fremdes Terrain, um ihn dort mit angenehmsten Melodien und unangenehmsten Wahrheiten zu konfrontieren. Eine Wendigkeit, die Frevert auch dem blinden Vertrauen und stillen Verstehen seiner langjährigen musikalischen Begleiter verdankt. Stephan Gade (Bass und gemeinsam mit Frevert Produzent der Platte), Stefan Will (Piano) und Tim Lorenz (Schlagzeug) sind klassisch ausgebildet; im Gegensatz zum Songschreiber, der ist Autodiktat. Im Studio wird oft gewitzelt, auf seinem Grab werde mal der Satz stehen: „Jazz war sein Hobby“. Eine Anspielung auf die komplexen Akkordfolgen, die er seinen Musikern abverlangt. Aber gerade darin liegt die Schönheit und Gemeinheit dieses Werks: Die Akkorde führen den Weg in unverhoffte Richtung, der Hörer wird reingezogen in eine fremdartig schillernde Welt, in der er doch an jeder Ecke auf eigene Erfahrungen zurückgeworfen wird.Auf einmal ist man dann eben mitten drin, in der Liebe, dem Wahnsinn, der Weltverlorenheit. In diesem Paradies mit doppelten Boden. Dieses Album wird

Sie erst betören, dann verstören. Und am Ende vielleicht sogar retten.

 

 

 

Links:

 

www.nielsfrevert.net

www.facebook.com/nielsfrevert