Bonaparte

Bonapartes sechstes Studioalbum „Was Mir Passiert“ (VÖ:14.06.2019) ist gleichzeitig das erste Bonparte-Album mit fast ausschließlich deutschen Texten, beheimatet unerwartete wie illustre Gäste (u. A. Farin Urlaub & Bela B., FatoumataDiawara, Sophie Hunger und Bop de Narr) und mischt lässig kongolesische Gitarren mit modularen Synthesizern, Coupé Decalé mit Blaskapellen, Rhythmen aus Nigeria, Kamerun, Senegal oder Äthiopien mit Streichern und Anleihen aus der elektronischen Musik Berlins. Es ist ein überraschend persönliches und überaus vielschichtiges Album, das das Politische im Privaten sucht, das Glück im Zufall findet und eine radikal kosmopolitische Perspektive auf die Welt einnimmt. Die 15 Stücke erzählen von der Utopie einer künstlerischen Existenz, von Weltenbummel und Weinkeller, vom Vagabundieren genauso wie vom großen Abenteuer, eine Familie zu gründen. Aufgenommen und produziert wurde das Album in Abidjan an der Elfenbeinküste, gemeinsam mit dort lebenden Musikerinnen. Aber Schritt für Schritt, zunächst zur Geografie: Ein Freund erzählt Tobias Jundt alias Bonaparte von Abidjan – der pulsierenden 4,7-Millionenstadt im Osten der Elfenbeinküste. Seine Worte fesseln Jundt so sehr, dass er sich auf den Weg macht. „Ich bin in den Flieger gestiegen nach Abidjan und hatte erstmal überhaupt keine Ahnung, wie es da werden würde.“ Er ist auf der Suche nach einer polyvalenten Energie, vergleichbar mit der, die ihn vor 12 Jahren in Berlin fesselte und den Motor der wahnwitzigen Anarcho-Anfangstage von Bonaparte befeuerte. In Abidjan wird er fündig, trifft auf eine pulsierende Musikszene. Lernt Musikerinnen, Tänzer und Produzenten kennen. Jundtbeginnt, mit seinem neu gewonnen Netzwerk an einem Pop-Hybriden der besonderen Art zu arbeiten: Aus einer Reise nach Abidjan werden mehrere. Und von jeder Reise bringt er neue Musik und Ideen mit, die er imStudio in Berlin weiter ausfeilt. Am Ende entsteht gemeinsam mit Musikern wie dem Gitarristen Jean Claude „JC Guitare“ Emanuel Bidy oder TanohAdjobi„Panda“ Saint Pierre „Was Mir Passiert“. Das Bonmot, dass der Reisende immer auch etwas über sich selbst und seine eigene Herkunft erfährt – es könnte so etwas wie der Schlüssel zu diesem Album sein. Vielleicht ist es diese Perspektivverschiebung, dieser neue Blick auf die Dinge, die etwas in Tobias Jundt auslöst, das bisher nicht denkbar war: „Ich musste auf deutsch wieder einen neuen Bonaparte erfinden. Mit einer neuen Sprache.“ Esist ihm gelungen. „Was Mir Passiert“ bejaht den Zufall und feiert das Glück, ist Plädoyer die Dinge einfach passieren zu lassen und im Moment zu leben, nicht nach den Erwartungshaltungen einer durchkommerzialisierten Umgebung, strahlt Empathie und Wärme aus. Hier und da blitzt zwar noch das bekannte Rollenspiel früherer Alben auf – trotzdem ist das sechste Studioalbum von Bonaparte ein ernstes und authentisches Album. Dem es um Wahrheit geht, um Geschichten und Emotionen, nicht um die Pose. „Zeit funktioniert anders, Zusammenspiel funktioniert anders“ so beschreibt Jundt seine Eindrücke des künstlerischen Arbeitens in Abidjan. „Warten“ – der Opener des Albums ist ein exzellentes Beispiel dafür, wie das funktionieren kann: Während Jundt von Malariapillen und Magenverstimmungen angegriffen in der Studioecke liegt, unfähig zu großer Aktion, reißt Bop de Narr  – die Zukunftshoffnung der afrikanischen Rapszene – den Moment an sich und improvisiert mit exzellentem Flow auf bereitgelegten Textskizzen. Nach knapp vier Minuten „Warten“ ist „Bonaparte back auf der Karte“; das Stück funktioniert wie ein Intro, saugt den Hörer in die Atmosphäre des Albums: „Wenn Zeit Geld ist, druck ich mir die Ewigkeit“. Wann ist ein Mann ein Mann? Und wann die Frau eine Frau? „Weinbar“ schließt an Diskurse um radicalSoftness an und stellt ausgelaugte Rollenbilder ganz selbstverständlich in Frage. Natürlich ist das Private politisch. Und auch Rockstars müssen weinen. Den zweiten Vers schrieb die deutsch-schweizerischeSchriftstellerin Sybille Berg, er entstand im spätabendlichen SMS-Austausch. Getroffen haben die beiden sich bisher nicht. Auch das ist ein Beispiel für die Bonaparte Arbeitsweise: Kollaboration; Dahin-Driften, Sammeln und Vereinen von unterschiedlichsten Einflüssen und zufälligen Begegnungen. Open-Mindness, offene Ohren und ein wacher Geist als Konzept, um aus dem ewigen Kreislauf des bereits Gesagten auszubrechen: Der Titelsong spielt in der Strophe mit den gefährlichen Klischees einer Romantisierung Afrikas, zitiert Gainsbourg und reibt sich an Bilderbuch („Komm rein in mein Palast aus Stroh / hab Aloko für die Late-Night-Show“). Im anschließenden „Big Data“ verhandelt Jundt zusammen mit zwei Dritteln der Band die Ärzte (Farin Urlaub & Bela B.) die Abgründe der (Selbst-)Kontrollgesellschaft, dazu singen Jundts Töchter gemeinsam mit denen eines abidjaneschen Pfarrers im Backgroundchor. Aus Abidjan zurück in die Schweiz: Gemeinsam mit Sophie Hunger covert Bonaparte ein Stück „DeneWosGuet Geit“ des viel zu früh gestorbenen Schweizer Liedermachers Mani Matter. Jundts Vater veröffentlichte in den 60er Jahren auf dem gleichen Label wie Matter. Im großartig betitelten „Ins Herz geschlafen“ wird aus der Unverbindlichkeit einer Affäre plötzlich mehr. Liebe nämlich. In „Ich koche“ schlägt Jundt während 23 Gängen die Brücke zwischen Food und Sex. „Ich liebe es mit Menschen zu essen, kann aber selber nicht kochen“ sagt Jundt – denn „23 Gänge, Tesla hat nur einen“. Das nach dem weltberühmten Weingut „Chateau Lafite“ benannte Stück zeichnet das Bild eines Lebensentwurfes, dermorsch wird. Und am Ende steht die Flucht, raus in die Wüste, rein in den Moment: „Einfach hinaus in die Steppe / und es würd nicht mehr so leer sein in mir drin“. Auch der teuerste Wein kann korken. Um das herauszufinden, müsste ihn aber jemand öffnen. Der Text von „Neues Leben“ spielt bereits im Jahre 2009 und setzt chronologisch den Startpunkt von „Was Mir Passiert“. Das Album war schon fertig, als Jundt realisierte, dass es dieses Werkohne diesen Song nicht geben könnte. Er stieg wieder ins Flugzeug, zurück nach Abidjan, nahm sich wieder das Zimmer Nummer 5 im Bushman Café, lud seinen Haus-Gitarristen JC Guitare und den Rumba-Sänger ToshaKitona zu sich ein. Sie spielten den Song in einem einzigen Take ein. Es ist der Song, der aus einem überaus persönlichen Album noch herausragt. Hier singt ein anarchistischer Freigeist über die Entscheidung, eine Familie zu gründen. Es wird deutlich: „Was Mir Passiert ist ungemein vielschichtig, dicht an Referenzen und gefüllt mit Geschichten und Anekdoten, ist ein Album, dessen Raum mit jedem Hören größer und weiter wird. Eine letzte Anekdote: Fatoumata Diawara – Superstar aus Mali mit zwei Grammy-Nominierungen – ist Gast beim einzigen englischsprachigen Song des Albums, dem politisch angehauchten „Cameroon“. Diawara überhaupt ins Studio zu bekommen war erwartungsgemäß nicht ganz einfach. Nachdem der erste Termin in Paris platzte, als Jundt schon auf dem Weg zum Airport in Tegel war, erreicht ihn während einer Vorlesung an der Universität Zürich die Nachricht vom Management der Künstlerin: Fatoumata sei im norditalienischen Como und bereit für eine Session. Jundt erklärt seinen Studierenden die Situation und macht sich umgehend auf den Weg (Vielleicht die beste Lektion zum Thema Songwriting, die man bekommen kann – folge deinen Instinkten). Im angedachten Ort für die Aufnahmen erwarteten ihn überfragte Studiobetreiber: Schließlich findet dort gerade eine lang geplante Werbe-Jingle-Session statt. Aber auch dieses Problem ist eigentlich gar kein Problem. Grammy-NomininerteDiawara und Jundt nehmen die Vocals für „Cameroon“ via USB-Interface und Laptop in einer Abstellkammer das Studios auf (zweite Lektion: Arbeite mit den Mitteln, die dir zur Verfügung stehen). Die Reise geht noch weiter: Im November geht Jundt als „Bonaparte & LE NOUCHI CLAN“ auf Tour in Deutschland, Österreich und der Schweiz, zusammen mit einigen der Musikern, die auch einen Großteil von „Was Mir Passiert“ eingespielt haben.

 

 

 

 

 

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