Saltatio Mortis

Zwanzig Jahre ist es nun her, dass diese Band ihre ersten Auftritte hatte; damals standen die Musiker mit Trommeln und Sackpfeifen an Straßenecken herum und spielten für das Geld, das man ihnen in die Hüte warf. Sie hätten das damals ja selbst nicht gedacht, sagen Saltatio Mortis heute: Dass man mit Schnabelschuhen, Schellenband und Dudelsack irgendwann mit drei Nummer-Eins-Alben da steht und einer Goldenen Schallplatte dazu. Und dass es eine so bunte Truppe auch nach zwanzig Jahren immer noch schafft, so erfolgreich zu sein in einer Welt, die zunehmend grau wird – allein das ist ein Zeichen, das Hoffnung macht. „Für immer frei“ heißt das neue Album von Saltatio Mortis, und im Titel finden sich Bekenntnis und Aufruf zugleich. Und eine stimmige Selbstbeschreibung. Denn frei und offen: So ist die Musik dieser Gruppe; so war sie schon immer, seit Saltatio Mortis im Jahr 2000 in Karlsruhe zueinander gefunden haben; aber so neugierig und virtuos wie auf diesem Album haben sie vielleicht noch nie an der Erweiterung ihrer Möglichkeiten gearbeitet. Natürlich gibt es Dudelsäcke, Trommeln, Schalmeien und Folk-Harmonien zu hören; aber auch wuchtige Punk-Stücke wie „Linien im Sand“ und „Palmen aus Stahl“ – in dem Sackpfeifen und schwere Gitarren-Riffs eine ganz eigene Kombination eingehen – und sogar ein Crossover-Stück mit elektronischen Beats und einer Rap-Passage: „Mittelfinger Richtung Zukunft“ feat. Swiss & die Andern & Henning Wehland ist ein großes Statement von einer Band, die traditionsbewusst ist, aber sich noch nie um musikalische Grenzen geschert hat. Freie Musik von freien Menschen. Und Freiheit: Das ist auch das Thema, das sich wie ein roter Faden durch die neuen Songs zieht. Die Freiheit, die man genießt. Die Freiheit, nach der man sich sehnt. Die Freiheit, die man einst hatte und nun zu verlieren glaubt. Aber auch: die Freiheit, vor der man sich fürchtet. „Linien im Sand“ handelt vom Rechtsruck der letzten Jahre, vom Wiedererstarken von Rassismus und Nationalismus. „Was ist mit den Milliarden Toten / auf Rechnung all der Patrioten?“, heißt es darin. Warum scheinen die schon wieder vergessen zu sein? Und warum sind so viele Menschen nicht in der Lage, die Freiheit auszuhalten, die sie genießen? Warum sehnen sie sich wieder nach Grenzen, nach Enge und Übersichtlichkeit, nach autoritären Figuren und Führern? Weil sie Angst vor der Ungewissheit haben? Denn es gibt keine Freiheit ohne Gefahr; davon handeln die historischen und mythologischen Stücke auf diesem Album. Etwa „Loki“ über den gleichnamigen nordischen Gott, dessen Ausbruch aus der Gefangenschaft das Ragnarök einleitet, das Weltenende. Seine Freiheit führt also dazu, dass die Freiheit und das Leben aller anderen enden. So wie die Erde erst wieder frei sein wird, wenn die Menschheit endlich ausgestorben ist, wie es in dem Stück „Seitdem du weg bist“ heißt – eine lyrisch großartige Verzwirbelung von Trennungsstück, Tolkien-Beschwörung und der Warnung vor dem ökologischen Kollaps; ein Stück, das ein ernstes Thema ganz leichthändig humorvoll fasst. Es gibt keine Freiheit ohne Gefahr; aber es gibt auch kein Glück und keine Hoffnung ohne die Freiheit: Das ist die Botschaft dieses Albums, auf dem sich Saltatio Mortis sich als aufgeklärte, engagierte, politische Band zeigen. Man braucht nicht viel Fantasie, um sich die neuen Lieder auch bei einem Solikonzert für ein freies Leben und gegen dessen Feinde, gegen Rassisten und Nationalisten zu imaginieren. „Ich träum von einer Welt, / in der Gerechtigkeit / mehr als nur ein Wort ist / und die Hautfarbe nicht von Belang“, heißt es in dem Stück „Geboren um frei zu sein“. Träume sind wichtig, und Utopien sind wichtig; es ist wichtig, dass Menschen zueinander finden und spüren, dass sie nicht einsam sein müssen in dieser Welt; und dafür gibt es kein schöneres Mittel als solche Musik. Bei aller Deutlichkeit und allem politischen Engagement ist „Für immer frei“ auch heiteres, herrlich verspieltes Werk; ein Werk, das Euphorie stiftet; ein Werk, zu dem man tanzen und mitsingen kann und miteinander trinken und sich umarmen und küssen. Eine Musik, zu der man nach vorne blickt, aber sich auch mit seinem eigenen Leben, seiner eigenen Vergangenheit zu versöhnen vermag. „Für immer jung“ heißt noch so ein Stück, das auch von der Freiheit handelt; es handelt vom Erwachsenwerden und von der Frage, was aus der Freiheit wird, wenn man Kinder bekommt und Verantwortung übernimmt. Muss man dann um die verflossenen Jahre trauern? Oder ist die schlimmste Beschränkung der Freiheit nicht gerade jener Kult der ewigen Jugend, der unsere Gesellschaft ergriffen hat? Saltatio Mortis wirken auch nach zwanzig Jahren immer noch so kraftvoll, leidenschaftlich und neugierig wie am ersten Tag; ihre gewachsene musikalische Reife steigert nur noch die Intensität ihres Songs. „Für immer frei“: Das ist die Musik einer Band, die ihre Geschichte kennt und um die Zukunft weiß; die so sicher ist, dass sie kein Risiko scheut; und die weiß, dass es heute wichtiger ist denn je, den kräftigen Rock und den zarten Folk nicht den Feinden der Freiheit zu überlassen.

 

 

 

 

 

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