Elen

Mal eher faktisch: Elen, Betonung auf dem zweiten E! / geboren genau einen Monat vor dem Mauerfall in Ost-Berlin / vertraute ihrem Diddl-Buch schon im Alter von fünf Jahren ihren späteren Berufswunsch an: „Sengerin“ (Betonung auf dem ersten E!) / musikalisch sozialisiert mit den Schlagern aus dem elterlichen Radio / dagegen rebelliert mit den Songs von Oasis / sich ausprobiert an Keyboard, Schlagzeug, Gitarre / kurz vor dem Abi über Chemie gestolpert und die Schule geschmissen / Entscheidung: Straßenmusik / mit der Gitarre in der Hand meistens vor den Schönhauser Allee Arkaden oder auf dem Alexanderplatz in Berlin zu finden / in Eigenregie und durch Crowdfunding ein erstes eigenes Album in englischer Sprache veröffentlicht / prägende Begegnungen mit anderen und sich selbst / die meisten flüchtig für ein paar Minuten im Vorbeigehen / einige nicht sesshaft und trotzdem dauerhaft unter der Haut / einmal Marius Müller-Westernhagen, der ihr (von Elen unerkannt) auf dem Alexanderplatz zuhört, ihr Album kauft (immer noch von Elen unerkannt), sie ein paar Tage später als Support auf seine Tour einlädt und danach auch auf die Bühne der Aufzeichnung seines MTV unplugged bittet / von der Bühne zurück auf die Straße / im Clinch mit Bürokratie und gerichtlichen Instanzen nicht nur Geld sondern auch die Lust auf die Straße verloren / zunehmend präsenter: sowohl die Ränder der Gesellschaft als auch die eigenen / der Stadt den Rücken gekehrt und nach Brandenburg aufs Land gezogen / Ärmel hochkrempeln, Tiere versorgen / Schafe, Ziegen, Ponys, Pfauen, Hühner / mehrere Hunderttausend (ok, die meisten davon sind Bienenvölker) / erweiterter Horizont / näher bei sich sein / Texte auf deutsch / Gefühle besser ausdrücken / die Aufmerksamkeit der Plattenlabel /erster Vertrag / Verantwortung auf mehrere Schultern verteilen / sich auf Musik und Texte konzentrieren können / letztes Jahr bei Inas Nacht der erste Test: „Liegen ist Frieden“ als Song und mit weiteren Songs auch als EP / tagelang Platz 3 bei iTunes mit beidem / mit Rückenwind und Zuversicht das deutschsprachige Debut-Album fertiggestellt / „Blind über rot“ erscheint am 17. April 2020. Elen ist eine Ausnahme. Eine Ausnahme in den schöngefärbten Mustern aktueller Karrieren im deutschen Popbusiness. Noch dazu, wenn es sich um Karrieren von Frauen handelt. Weil sie eine wichtige Eigenschaft verkörpert, die hinlänglich so oft fehlt: Wahrhaftigkeit! Zu finden in jedem ihrer Songs, in jeder Zeile ihrer Texte, in ihrer Persönlichkeit und Biografie. Zu hören in ihrer unverkennbaren Stimme, die in ihrer Prägnanz ein wenig an die Stimmen von Sheryl Crow, Alanis Morissette oder Janis Joplin erinnert. Stimme und Persönlichkeit. Die ihre Kraft nicht zuletzt daraus schöpfen, dass sie gelernt haben, sich durchzusetzen. Auf der Straße. Mit Songs von Neil Young, Coldplay, Tracy Chapman und ersten eigenen. „Als ich mich das erste Mal auf die Straße gestellt hab, konnte ich drei Songs spielen. Ich hatte Angst. Meine Stimme hat gezittert. Ich war so aufgeregt und nervös, dass ich nicht mal die Akkorde richtig greifen konnte. Mit der Zeit hat sich das gelegt. Auf der Straße zu spielen ist ein gutes Rezept, um seine Ängste in den Griff zu bekommen, Selbstsicherheit zu gewinnen“, so Elen heute. „Straßenmusik hat kein Netz, keinen doppelten Boden. Das prägt. Du musst quasi vor die Fassaden treten, auch vor die eigenen. Sich dahinter zu verstecken macht keinen Sinn. Du siehst deinem Publikum direkt in die Augen. Du musst ehrlich sein, sonst hört dir niemand zu. Auch das habe ich gelernt“. Genau diese Ehrlichkeit spiegelt sich in den Texten ihrer Songs wider. Es arbeitet in ihr, das spürt man in jeder Zeile. Viel Sehnsucht ist dabei. Nach Einfachheit, Unbeschwertheit, dem, was man Glück nennt („Happy End“). Nach diesem Urvertrauen, das man als Kind noch gespürt hat. Als die Welt noch klein und Probleme mit Abzählreimen lösbar waren („Luftschlösser“). Persönliches. Der Zwiespalt zwischen schutzloser Offenheit und offener Verletzbarkeit. Wie weit öffnet man sich? Vor sich selbst, vor anderen. Und was bekommt man zurück? Die Songs „Hallo“, „5 Meter Mauern“ oder „Blind über rot“ erzählen davon. Berührendes. Das Lied „Andere Arcaden“, in dem sie von prägenden Begegnungen als Straßenmusikerin vor den Schönhauser Allee Arkaden in Berlin erzählt. „Es sind oft auch eben die gleichen Menschen an den gleichen Orten. Egal, ob Straßenmusiker, Bettler, Obdachlose. Jeder hat sein Revier. Mit der Zeit ist man sich vertraut, auch wenn man sich natürlich nicht richtig kennt. Es gab sehr schöne Momente, wo manche mir aus ihren Bettelbechern noch ein paar Cent in meinen Koffer gelegt haben, weil sie dankbar waren für meine Musik. Dann sieht man Schilder, auf denen steht: „brauche 50 Euro, um nach Hause zu kommen“. Vor einem Mann, der ganz offensichtlich schwere Drogenprobleme hatte. Irgendwann ist der dann nicht mehr da. Und du fragst dich, was aus ihm geworden ist. Ob er doch noch nach Hause gekommen ist? Oder ob er gegen die Drogen verloren hat? Man bekommt einen anderen Blick auf die Menschen, aber auch auf uns als Gesellschaft. Darum geht es in „Andere Arcaden“.“Herausforderndes. Unsere Gesellschaft. Das große Ganze. Auch das ein Thema bei Elen. Aber eben als Thema, für das jeder einzelne Verantwortung trägt („Egal“). Und wo man oft auch mit sich hadert. Das Gefühl hat, dass man dem nicht gerecht wird und werden kann. „Ich bewundere Greta und ihren Einsatz gegen die Ignoranz, mit der aktuell immer noch Klimapolitik betrieben wird. Ich bewundere, dass so viele junge Menschen auf die Straße gehen, ihre Stimme erheben. Auf dem Land, da wo ich wohne, werden die Auswirkungen des Klimawandels immer spürbarer. Letzten Sommer konnte man zu Fuß manche Stellen der Oder durchqueren, weil der Fluss kein Wasser mehr geführt hat. Wer davor die Augen verschließt, handelt zutiefst verantwortungslos. Ich finde, unsere große Aufgabe für die Zukunft ist es, wieder mehr Verantwortung füreinander zu übernehmen.“ Für jedes dieser Gefühle, dieser Stimmungen und Themen findet Elen auch musikalisch den richtigen Ton. Mal laut und kraftvoll, mal leise und zart, wenn nicht sogar zärtlich. Man möchte mehr erfahren über diese Frau. Die der Stadt den Rücken gekehrt hat und auf einen kleinen Hof nach Brandenburg gezogen ist. Horizont. Weite. Ein Wendekreis. Weniger Nachbarn, als Finger an einer Hand. Dafür eine Menge Tiere. Zwei Ponys, Schafe, Ziegen, Hunde, Katzen, Pfauen, Hühner, Kaninchen, Bienenvölker, und und und. „Ok, vielleicht habe ich das etwas überkompensiert, dass ich als Kind nie ein Haustier haben durfte“, gesteht sie lachend. „Aber mit jedem dieser Geschöpfe verbindet mich etwas. Ich habe die Verantwortung für sie, muss morgens raus, ihnen Futter geben, mich um sie kümmern. Vor allem eben auch an Tagen, wo ich viel lieber einfach nur im Bett liegen bleiben würde“. Das Land erdet Elen, das ist spürbar. Und auch, dass es eine bewusste Entscheidung in ihrem Leben war, diesen Schritt zu machen. In dem Wissen, dass es eben keine Wellness-Oase für satte Stadtmenschen ist, wie es einem die schicken Magazine gern suggerieren, sondern Dreck unter den Fingernägeln bedeutet, viel Arbeit und oftmals eben auch Abgeschiedenheit. „Mein Mann bestellt sich manchmal Sachen im Internet, nur, damit der Paketbote mal vorbeikommt und er mal jemanden zum Quatschen hat“, lacht sie. „Als wir hierhergezogen sind, haben wir Stunden damit verbracht, eine Stelle zu suchen, wo wir die Antenne für den Internet-Empfang aufstellen können. Einer ist mit der Antenne in der Hand übers Feld gelaufen, bis der andere aus dem Haus „STOP, 4G!“ geschrien hat. Auch das bedeutet Leben auf dem Land“. Elen steht für „Wahrhaftigkeit“. Eine Eigenschaft, eine Haltung, die uns immer mehr abhanden gekommen zu sein scheint, wonach wir uns aber zunehmend zurücksehnen. Sie trägt diese Wahrhaftigkeit in sich. Als Person und als Künstlerin in ihren Songs. Es geht um die Sehnsucht, sich zu spüren, sich selbst zuzulassen. In aller Echtheit. Sich im Überfluss dieser Zeit zu sortieren. Eine Mitte zu finden. Die eigene Mitte zu finden. Und sie zu leben. Verantwortung zu übernehmen und zu tragen. Und irgendwie trifft sie damit gerade total den Nerv der Zeit.

 

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